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Deine Reichweite ist eingebrochen – und es liegt nicht an deiner Kunst

Was sich bei Instagram, X und Co. tatsächlich geändert hat, was davon belegt ist – und was jetzt wirklich hilft

Mara steht mit hängenden Armen vor einer Wand aus empfohlenen Beiträgen, Werbung und Videos; ihr eigenes Werk hängt klein und unverändert am Rand

„Kaum noch jemand sieht, was ich poste." – „Was ist überhaupt der Sinn, noch zu posten?" – „Ich schreie ins Leere." Sätze wie diese lese ich seit Monaten jeden Tag, auf X, auf Threads, auf Bluesky, in den Art-Subreddits. Fast immer folgt darauf derselbe Nachsatz: Vielleicht ist meine Kunst einfach nicht gut genug.

Dieser Schluss liegt nahe – und er ist falsch. Man kann das inzwischen sogar ziemlich gut zeigen.

Was tatsächlich belegt ist

Die Zahlen für Bild-Posts sind schlecht – und werden schlechter. Socialinsider hat für seinen Instagram-Benchmark 35 Millionen Posts aus 447.613 Profilen ausgewertet. Die durchschnittliche Engagement-Rate lag 2025 bei 0,48 %, ein Minus von 24 % gegenüber dem Vorjahr. Am härtesten trifft es das statische Bild: minus 17 % im Jahresvergleich, im zweiten Quartal 2026 nur noch 0,33 %. Das ist ausgerechnet das Format, in dem die meiste bildende Kunst existiert.

Neue Accounts wachsen nur noch halb so schnell. Im selben Datensatz fiel der jährliche Follower-Zuwachs kleiner Profile (1.000–5.000 Follower) – also wie viele neue Follower sie im Verhältnis zu ihrem Bestand dazugewinnen – von 38 % auf 22 %.

Im Feed bleibt immer weniger Platz für die Accounts, denen jemand folgt. Das muss man nicht vermuten – es wird auf den Quartalskonferenzen offen erzählt. Mark Zuckerberg, April 2024: „Zum ersten Mal überhaupt sind mehr als 50 % der Inhalte, die Menschen auf Instagram sehen, KI-empfohlen." Für Facebook nannte er 30 % – „eine Verdopplung in den letzten paar Jahren". Anders gesagt: Der Feed besteht mehrheitlich aus Vorschlägen von Accounts, denen man gar nicht folgt. Was für Fremde dazukommt, geht denen ab, die dir tatsächlich folgen.

Und dein Werk hat jetzt ein Haltbarkeitsdatum. In der Meta-Quartalskonferenz vom 30. Juli 2026 berichtete Finanzchefin Susan Li, dass inzwischen jeder öffentliche Feed- und Reels-Post durch ein großes Sprachmodell läuft, das Thema und Tonfall analysiert und ans Empfehlungssystem weitergibt. Im selben Gespräch fiel eine zweite Zahl, die noch mehr über den Alltag von Kunstschaffenden aussagt: Mehr als die Hälfte der empfohlenen Feed-Inhalte auf Instagram ist inzwischen jünger als ein Tag – doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Ein Bild, an dem du drei Wochen gearbeitet hast, hat also ein Zeitfenster von wenigen Stunden, bevor es als „alt" gilt. Zuckerberg kündigte im selben Call einen dritten Inhalte-Topf an: einen „nahezu unendlichen" Strom KI-generierter, personalisierter Inhalte.

Und wer gezielt durch die Werke eines Profils stöbern will, kommt schwerer heran. Im Mai 2026 ersetzte X in der Mobil-App den „Media"-Tab auf Profilen durch einen reinen „Videos"-Tab. Wer die Bilder eines Künstlers durchsehen wollte, fand plötzlich nur noch Videoclips. Eine Änderung der Plattformbetreiber – und die Werke eines Kunstschaffenden sind nicht mehr auffindbar.

Zur Klarstellung: Keine dieser Zahlen bezieht sich speziell auf Künstler-Accounts. Benchmark-Studien werten Marken-Accounts aus und Engagement-Rate ist nicht dasselbe wie Reichweite. Eine saubere Langzeitstudie speziell zu Kunst-Accounts gibt es nicht. Was es gibt, sind drei voneinander unabhängige Stränge: Branchendaten, die Aussagen der Betreiber selbst und überprüfbare Produktänderungen. Alle drei zeigen in dieselbe Richtung.

Es liegt nicht an dir – die Rechnung wurde umgestellt

Ein Follower war einmal so etwas wie ein Abonnement: Du postest, deine Leute sehen es. Heute ist ein Follower ein Hinweis an ein Empfehlungssystem – ein Vorschlag, kein Versprechen. Das ist keine Böswilligkeit, sondern ein Geschäftsmodell: Verweildauer verkauft Werbung und Inhalte von Fremden halten Menschen nachweislich länger fest als Inhalte von Bekannten.

Was ich den Betreibern trotzdem übelnehme, ist nicht der Umbau. Es ist die Erzählung darum herum. Während die Verteilung von Grund auf umgebaut wird, hören Kunstschaffende weiter Ratschläge über „Qualität", „Konsistenz" und „authentisches Storytelling" – als wäre der Einbruch ein persönliches Versäumnis. Die Betreiber ändern die Regeln und geben die Schuld an die zurück, die sich daran halten. Das ist der eigentliche Schaden: Tausende Menschen, die glauben, ihre Arbeit sei nichts wert, weil eine Metrik gefallen ist, die sie nie kontrolliert haben.

Was jetzt wirklich hilft

  1. Wechsle die Metrik, bevor sie dich zermürbt.

    Reichweite ist die eine Zahl, die dir nicht gehört. Zähl stattdessen, was Nähe anzeigt: Speicherungen, Weiterleitungen, DMs, Newsletter-Anmeldungen, wiederkehrende Namen unter deinen Posts. Zehn Leute, die dein Werk an jemanden weiterschicken, sind mehr wert als 3.000 anonyme Impressionen – und sie sind der einzige Teil der Statistik, den kein Update über Nacht halbiert.

  2. Sorg für einen festen Ort für deine Werke.

    Deine Arbeiten brauchen eine Adresse, unter der sie geordnet, dauerhaft und auffindbar liegen – ob das eine eigene Seite ist oder eine Plattform, auf der jede Arbeit ihren festen Platz behält statt im Feed vorbeizuziehen, ist zweitrangig. Wichtiger sind drei Bedingungen: Deine Werke sind auch nach Monaten noch erreichbar, du kannst sie jederzeit exportieren und mitnehmen, und der Link darauf bleibt stabil. Feeds sind Zubringer, kein Archiv – der X-Media-Tab hat gerade vorgeführt, wie schnell ein fremdes Archiv unerreichbar wird.

  3. Leg einen direkten Kanal an, auch wenn er winzig ist.

    Eine E-Mail-Liste ist unspektakulär und der einzige Weg zu deinem Publikum, den niemand umbauen kann. 200 Adressen, die dich lesen wollen, sind stabiler als 5.000 Follower, die dich vielleicht ausgespielt bekommen. Der beste Zeitpunkt zum Anfangen war vor drei Jahren, der zweitbeste ist heute.

  4. Rechne mit den Stillen.

    Die Faustregel aus der Community-Forschung (Nielsen, „90-9-1") gilt weiterhin: Rund 90 % der Menschen in einer Online-Community lesen nur mit, etwa 9 % reagieren gelegentlich, 1 % produziert das meiste. Neuere Forschung sieht dieses Mitlesen nicht als Passivität, sondern als vollwertige Nutzung. Deine Zahlen zeigen dir also nie dein Publikum – nur den kleinen, lauten Teil davon. Sammler:innen sagen es selbst: Gekauft wird am Ende über DM, Mail und Gespräch, nicht über den Like-Button.

  5. Poste nicht mehr, poste mit mehr Kontext.

    Der reflexhafte Ausweg – häufiger posten, Videos statt Bilder, jeden Trend mitnehmen – führt genau dorthin, wo bereits 52 bis 78 % der Creator sind: in den Burnout, mit kreativer Erschöpfung als Hauptursache. Was stattdessen nachweislich wirkt, ist das Gegenteil von Masse: die Geschichte hinter dem Werk, der Prozess, die Entscheidung, der Fehlversuch. Menschen binden sich an Zusammenhänge, nicht an Frequenz. Und im Zweifel: Ein Werk, das nur 40 Leute sehen, ist trotzdem entstanden. Der Feed ist nicht der Ort, an dem der Wert deiner Arbeit entschieden wird.

Zum Schluss

Der Einbruch, den du erlebst, ist real, er ist dokumentiert und er ist das Ergebnis von Entscheidungen, die andere getroffen haben – in Räumen, in denen niemand deine Arbeit gesehen hat. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Alles, was jetzt hilft, führt weg von einer Zahl, die dir nie gehörte, und hin zu etwas, das bleibt – ein eigener Ort, ein direkter Draht, ein paar Menschen, die wirklich hinschauen.

Ich schreibe das nicht aus einer neutralen Position. Ich baue gerade eine Plattform für Kunstschaffende, weil ich glaube, dass die Infrastruktur, in der Kunst online stattfindet, nie für Werke gebaut wurde, sondern für Aufenthaltsdauer. Wenn du magst, erzähl mir, wie sich das bei dir anfühlt – ich sammle solche Erfahrungen gerade sehr bewusst.

Quellen

  • Socialinsider, „2026 Instagram Organic Engagement Benchmarks" (Studie des Anbieters, eigene Datenerhebung: 35 Mio. Posts, 447.613 Profile, Jan.–Dez. 2025; Q2-2026-Update) – primär für die eigenen Daten, Anbieter-Studie: socialinsider.io
  • Mark Zuckerberg, Meta Q1-2024-Earnings-Call, 24.04.2024 („more than 50% of the content people see on Instagram is now AI recommended") – Primäraussage, hier sekundär belegt über Benzinga: benzinga.com
  • Meta Q2-2026-Earnings-Call, 30.07.2026 (Susan Li zur LLM-Verarbeitung aller öffentlichen Feed-/Reels-Posts; „mehr als die Hälfte der empfohlenen Inhalte jünger als ein Tag"; Zuckerberg zum „nahezu unendlichen" KI-Content-Feed) – Primäraussagen, hier sekundär belegt über Benzinga: benzinga.com
  • X ersetzt den Media-Tab, Mai 2026 (Bericht mit Nutzer-Belegen und Screenshots) – sekundär, mit verlinkten Primärbelegen: piunikaweb.com
  • Jakob Nielsen, „Participation Inequality" (90-9-1)primär: nngroup.com
  • Creator-Burnout (52–78 %, Hauptursache kreative Erschöpfung)primär (Branchenstudie) / begleitende Forschung: billiondollarboy.com · journals.sagepub.com
  • Praxis-Empfehlung E-Mail-Liste für Kunstschaffendesekundär (Fachblog): artworkarchive.com
  • Stimmungsbild aus den eigenen Andock-Radaren (X, Threads, Bluesky, Tumblr, Instagram, Reddit; Juli 2026) – primär, eigene Beobachtung