← Blog & News Analyse

10.000 Follower, kein einziger Verkauf – warum das normal ist

Was die Zahlen über den Kunstkauf sagen, warum Likes nichts über Kaufabsicht verraten – und wo Verkäufe tatsächlich entstehen

Mara präsentiert ihr Werk mit Preisschild, während Jonas es glücklich kauft; im Hintergrund steht eine kleine Gruppe grauer Follower-Avatare mit Herzen für Likes, die nie zu Verkäufen werden

„Ich habe tausend Follower und noch nie etwas verkauft." – „Die Reichweite ist gut, die Verkäufe sind null." – „Mir folgen nur andere Künstler:innen – niemand, der Kunst kaufen würde." Das ist nach dem Reichweiten-Frust der zweithäufigste Satz, den ich in den Kunst-Communities lese. Meist mit demselben Unterton: Irgendetwas mache ich falsch.

Vermutlich nicht. Der Zusammenhang zwischen Publikum und Verkauf ist viel schwächer, als es sich anfühlt – und das lässt sich zeigen.

Die schnöden Zahlen

Vorweg eine wichtige Einschränkung: Die belastbarsten Daten zum Kunstkauf stammen aus dem oberen Marktsegment – aus dem Art Basel & UBS Global Art Market Report 2026 und der zugehörigen Sammler-Befragung unter 3.100 vermögenden Sammler:innen in zehn Märkten. Für den Bereich, in dem die meisten von uns verkaufen – kleine Originale, Drucke, Auftragsarbeiten –, existieren keine vergleichbar sauberen Zahlen. Ich ziehe daraus trotzdem allgemeine Schlüsse, weil sich die Muster mit dem decken, was Kunstschaffende und Sammler:innen in Foren beschreiben. Wer diesen Schluss nicht mitgehen will, hat einen fairen Einwand.

Die Zahlen für 2025:

  • Ein durchschnittlicher Kunsthändler verkaufte an 57 verschiedene Käufer:innen – im ganzen Jahr.
  • Bei den kleinsten Händlern (Umsatz unter 250.000 Dollar) waren es 29.
  • 49 % aller Käufer:innen waren neu im Geschäft des jeweiligen Händlers.
  • 51 % der Sammler:innen, die bei Händlern kauften, haben mindestens einmal über Instagram gekauft, ohne das Werk vorher in echt gesehen zu haben.
  • 43 % kauften direkt aus dem Atelier, 37 % gaben Werke in Auftrag, 35 % kauften über Instagram-Links.
  • 20 % des Geldes, das die befragten Sammler:innen insgesamt für Kunst ausgaben, ging direkt an Kunstschaffende – nach dem Kauf über Händler der zweitgrößte Posten.
  • 58 % kauften im Zusammenhang mit einer Kunstmesse.
  • Reine Online-Verkäufe machten nur 15 % des Kunstmarkts aus.

Was daraus folgt – drei Dinge.

Erstens: Kunst zu verkaufen ist ein Geschäft der kleinen Zahlen. Wir reden hier über Profis mit Galerie, Messestand und einem Adressbuch, das über Jahre gewachsen ist – und trotzdem über zwei bis drei Dutzend Menschen im Jahr. Wenn 10.000 Follower nicht in Verkäufe umschlagen, ist das keine Anomalie. Ein Punkt gehört dazu, und zwar zu deinen Ungunsten: Diese Händler verdienen pro Verkauf ein Vielfaches dessen, was ein Druck oder ein kleines Original einbringt. 29 Käufer:innen tragen dort ein Geschäft – bei dir müssten es entsprechend mehr sein, um davon zu leben. Was der Vergleich trotzdem zeigt: Selbst im professionellen Kunsthandel ist die Zahl der Menschen, die wirklich kaufen, winzig im Verhältnis zu jeder Reichweitenzahl. Der Denkfehler liegt in der Erwartung, dass Reichweite und Verkäufe im selben Maßstab liegen müssten. Tun sie nicht – nicht einmal ansatzweise. Und weil auch Profis fast die Hälfte ihrer Käufer:innen jedes Jahr neu finden müssen, gibt es kaum jemanden mit einem Bestand, der einfach weiterkauft.

Zweitens: Instagram ist ein Kaufkanal – aber über den direkten Draht. Sammler:innen kaufen dort tatsächlich, auch ohne das Werk gesehen zu haben. Entscheidend ist aber, auf welchem Weg: über Nachrichten, Links zum eigenen Shop, Atelierbesuche und Auftragsanfragen – nicht durch einen spontanen Kauf beim Vorbeiscrollen. Der Feed liefert im besten Fall den ersten Kontakt. Die Entscheidung fällt in der weiteren Kommunikation.

Drittens: Der direkte Verkauf durch Kunstschaffende wächst. Ein Fünftel des Geldes fließt inzwischen direkt an Künstler:innen – Galerien und Zwischenhändler außen vor. Das ist die eigentlich gute Nachricht in diesen Zahlen – der Weg von dir zu einer Käuferin ist so kurz wie selten zuvor. Er führt nur nicht direkt über die Followerzahl.

Dein Publikum besteht überwiegend aus Kolleg:innen

Der zweite Grund ist unbequemer: Wer auf Social Media Kunst postet, sammelt in erster Linie andere Kunstschaffende ein. Die Feeds sind so gebaut – Ähnliches zu Ähnlichem. Ein Künstler formulierte es auf Bluesky so: Zum Verkaufen brauche man ein Publikum, das nicht selbst Kunst macht – und genau das fehle ihm.

Likes von Kolleg:innen sind echte Anerkennung, und sie sind wertvoll. Aber sie messen Handwerk, nicht Kaufabsicht. Wer selbst zeichnet, kauft selten Zeichnungen – aus demselben Grund, aus dem Köch:innen selten Essen liefern lassen.

Dazu kommt die Faustregel aus der Community-Forschung (Nielsen, „90-9-1"): Rund 90 % der Menschen in einer Online-Community lesen nur mit. Der größte Teil deiner Follower reagiert also nie sichtbar, egal wie gut ein Werk ist. Die Likes zeigen dir nicht, wie viele Menschen deine Arbeit verfolgen – und eine Kaufanfrage kann durchaus von jemandem kommen, von dem du vorher nie ein Lebenszeichen hattest. Auf Bluesky beschrieb eine Künstlerin genau dieses Muster: Ihre besten Verkäufe waren ausgerechnet Werke, die online kaum Aufmerksamkeit bekommen hatten.

Was du damit anfangen kannst

  1. Rechne in Menschen statt in Followern.

    Setz dir ein Ziel wie „zwölf Käufer:innen dieses Jahr" statt „5.000 Follower". Das ist die Größenordnung, in der professionelle Händler arbeiten – und es ist ein Ziel, an dem du tatsächlich etwas ändern kannst.

  2. Mach den Kaufweg sichtbar und reibungslos.

    Der häufigste Frust auf Käuferseite ist nicht der Preis, sondern die Umständlichkeit: kein Preis genannt, keine Maße, keine Antwort auf Nachrichten, unklare Versandkosten. Ein Sammler beschrieb den Kauf bei einer unabhängigen Künstlerin schlicht als „ein einziges Durcheinander". Wer kaufen will, soll in zwei Schritten wissen: Was kostet es, ist es noch da, wie kommt es zu mir?

  3. Gib dem Werk einen Kontext, der ein Gespräch eröffnet.

    Der stärkste wiederkehrende Ratschlag von Menschen, die seit Jahrzehnten Kunst verkaufen: Verkauft wird über Bedeutung – woher das Motiv kommt, was daran schwierig war, was du gesucht hast. Das Bild allein leistet das nicht, weil es online neben tausend anderen guten Bildern steht.

  4. Bau eine Einstiegsstufe.

    Wer dich noch nicht kennt, kauft selten das teuerste Stück zuerst. Kleinere Formate, Studien, Drucke sind die übliche Brücke – ohne dafür die Originale zu verbilligen.

  5. Such gezielt die Orte, an denen Kunstinteressierte unterwegs sind – nicht nur Kunstschaffende.

    Märkte und lokale Ausstellungen, Themen-Communities rund um deine Motive, das Umfeld deiner bisherigen Käufer:innen. Dort mischt sich beides, und die Trefferquote ist höher als in einem Feed, dessen Empfehlungslogik dich zuverlässig zu Kolleg:innen schickt.

Zum Schluss

Der Abstand zwischen deiner Followerzahl und deinen Verkäufen ist kein Zeichen dafür, dass deine Arbeit niemand will. Er ist ein Zeichen dafür, dass die beiden Zahlen unterschiedliche Dinge messen: Die eine misst, wie gut du im Feed funktionierst. Die andere misst, wie viele Menschen den Weg vom Bild zum Gespräch gefunden haben – und dieser Weg ist kurz, wenn man ihn baut.

Ich schreibe das als jemand, der gerade an einer Plattform für Kunstschaffende arbeitet und dabei immer wieder auf denselben Punkt stößt: Fast alles im Online-Kunstbetrieb ist darauf ausgelegt, Bilder zu zeigen – fast nichts darauf, aus Interesse ein Gespräch werden zu lassen. Wenn du magst, erzähl mir, wie deine Verkäufe zustande kamen. Genau solche Wege sammle ich gerade.

Quellen

  • The Art Basel & UBS Global Art Market Report 2026 (Arts Economics / Dr. Clare McAndrew, veröffentlicht 12.03.2026; Zahlen für 2025: Ø 57 Käufer je Händler, 29 bei Händlern unter 250.000 $ Umsatz, 49 % neue Käufer, Anteil reiner Online-Verkäufe 15 %) – primär (Pressemitteilung der Herausgeber): artbasel.com
  • The Art Basel & UBS Survey of Global Collecting 2025 (Arts Economics; Befragung von 3.100 vermögenden Sammler:innen in 10 Märkten; 51 % Instagram-Kauf ohne Ansicht, 43 % Atelierkauf, 37 % Auftragswerke, 35 % Instagram-Links, 20 % der Ausgaben direkt bei Kunstschaffenden, 58 % messebezogene Käufe) – primär (Auswertung auf der Report-Website von Art Basel): theartmarket.artbasel.com
  • Jakob Nielsen, „Participation Inequality" (90-9-1)primär: nngroup.com
  • Sammler- und Künstlerstimmen aus r/artcollecting und r/ArtBusiness (Kommunikationsprobleme beim Direktkauf, „Story verkauft, nicht das Bild") – primär, Threads direkt gelesen; dokumentiert in der eigenen Reddit-12-Monats-Analyse
  • Beobachtungen aus den eigenen Andock-Radaren (Bluesky, Instagram, Threads, Tumblr; Juli 2026: „kein Nicht-Künstler-Publikum", „beste Verkäufe = Werke mit wenig Aufmerksamkeit", „Follower aber keine Kunden") – primär, eigene Beobachtung